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Qiu Xiaolong - Enigma of China

Enigma of China” (eine deutsche Übersetzung ist bislang noch nicht in Aussicht) ist der mittlerweile bereits achte Roman einer Kriminalserie des chinesischen Exilautors Qiu Xiaolong (裘小龙), in deren Mittelpunkt der Shanghaier Oberinspektor und Hobbypoet Chen Cao steht. Chen, der eigentlich hatte Schriftsteller und Übersetzer werden wollen, hatte es aufgrund des damaligen Arbeitszuteilungssystems zur Shanghaier Polizei verschlagen, wo er, vielleicht zu seiner eigenen Überraschung, rasch Karriere machte. Seine Fälle zeichnen sich meist dadurch aus, dass sie politisch durchaus heikel sein können, oft eckt er auch mit seinem Ermittlungseifer und seinem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit bei seinen konservativeren Vorgesetzten und Parteigenossen an. Gerade in „Enigma of China“ wird die Lage auch für ihn persönlich besonders brisant, so dass sich aufgrund der Entwicklungen am Ende des Romans sogar die Frage stellt, ob dies vielleicht der letzte Inspektor Chen-Roman gewesen sein könnte. Wie die anderen Romane der Reihe auch, fokussiert sich „Enigma of China“ auf ein besonderes gesellschaftliches Phänomen bzw. Problem des heutigen China (wobei die Inspektor Chen Romane zeitlich allerdings eher in den 90er und frühen 2000er Jahren angesiedelt sind). Im Vorgängerroman „Don’t Cry, Tai Lake“ (auf Deutsch „Tödliches Wasser“) war dies zum Beispiel die Umweltkriminalität, während es in „Enigma of China“ um Korruption in Zusammenhang mit Immobiliengeschäften, sowie Zensur und politischen Aktivismus im Internet geht. Zhou Keng, der Chef des Shanghaier Siedlungsbau-Komitees (in China gibt es für alles ein Komitee) wurde von Internetaktivisten als korrupt entlarvt und in der Folge von der Partei in einem parteinahen Hotel unter außergerichtlichen Hausarrest (shuanggui, 双规) gestellt. Wenig später wird er tot in seinem Hotelzimmer aufgefunden. Obwohl die Parteiverantwortlichen von Selbstmord ausgehen, wird die Polizei mit weiteren Ermittlungen beauftragt, wobei Chen zunächst nur eine beratende Funktion zukommt.

Der Einstieg in den Roman gestaltet sich relativ zäh, es will zunächst keine rechte Spannung aufkommen und es wird viel Zeit darauf verwendet, in ziemlich trockener Form die chinesische Internetzensur und die Aktivitäten der so genannten „netizen“ zu erläutern. Wer zum ersten Mal mit dem Thema in Berührung kommt, dürfte über diese Ausführungen zwar recht glücklich sein, aber etwas interessanter hätten sie schon präsentiert werden können. Glücklicherweise nimmt der Roman aber bald deutlich an Fahrt auf, als es zu einem weiteren Todesfall kommt, der Chen erst dazu bringt sich voll und ganz auf den Fall zu konzentrieren. Ab diesen Zeitpunkt beginnt sich dann endlich eine recht verwickelte und spannende Kriminalgeschichte zu entfalten. Wie für Qiu Xiaolongs Romane typisch, handelt es sich aber um viel mehr als „nur“ eine Kriminalgeschichte, die Leser erfahren nebenher nämlich eine ganze Menge über die gegenwärtige chinesische Gesellschaft und Politik, sowie auch über die chinesische Kultur im Allgemeinen. Schließlich ist Chen in seinem Herzen immer noch ein Poet und daher an allen Facetten der chinesischen Kultur und Gesellschaft interessiert, was sich besonders bei einem Abstecher nach Shaoxing, der Heimatstadt des großen chinesischen Schriftstellers Lu Xun (鲁迅) bemerkbar macht, bei welchem sich die beruflichen und privaten Interessen Chens stark miteinander vermischen. Ein stetig wiederkehrendes persönliches Thema für Chen ist sein Single-Dasein, welches nicht nur seiner kranken Mutter, sondern auch seinen Freunden ein Dorn im Auge ist. Auch in „Enigma of China“ bleibt er von dieser Debatte nicht verschont, und wie schon zuvor gibt es wieder eine Dame, die um Chens Aufmerksamkeit buhlt, aber letztlich auch nicht wirklich aus ihm schlau wird. Dabei handelt es sich um die aufrichtige Journalistin Lianping, die ihm auch bei den Ermittlungen zu dem Mordfall immer wieder helfend zur Seite steht. Mehrere aus den anderen Büchern bekannte Charaktere tauchen ebenfalls auf, so Chens unmittelbarer Vorgesetzter, der Parteisekretär Li, der ihm wie so oft eher Stolpersteine in den Weg legt, als ihm eine echte Hilfe zu sein, aber auch Chens langjähriger Freund und Kollege Yu und dessen Frau Peiqin. Leider spielen diese beiden, auch von vielen Lesern liebgewonnenen Charaktere nur zu Beginn des Romans eine größere Rolle, danach ist Chen die meiste Zeit auf sich allein gestellt, obwohl er seine vielfältigen Kontakte wie immer gut zu nutzen weiß. Überhaupt geht es in „Enigma of China“ stärker als zuvor um die Person Chens und deren Zukunft, daher wohl unter anderem auch das zuvor schon angesprochene Gefühl, dass es sich um den letzten Fall Chens gehandelt haben könnte. Schade wäre dies auf jeden Fall, denn es gäbe noch so viele Themen und Probleme, die sich für eine literarische Verarbeitung in einem Inspektor Chen-Roman anbieten würden. Wer die bisherigen Bücher gelesen hat und zu schätzen weiß, kann jedenfalls auch bei „Enigma of China“ wieder bedenkenlos zugreifen. Allen anderen sei jedoch empfohlen, ganz am Anfang, mit dem ersten Roman der Reihe „Death of a Red Heroine“ bzw. auf Deutsch „Tod einer roten Heldin“ zu beginnen, und sich dann bis zu „Enigma of China“ weiter „vorzuarbeiten“, da ansonsten zu viele Anspielungen verloren gehen und manche als bekannt voraus gesetzten Charaktere nicht mehr ausreichend erklärt werden.

Qiu Xiaolong: Enigma of China. An Inspector Chen Novel. St. Martin's Press, New York 2013. 277 Seiten.