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Gene Luen Yang - American Born Chinese

American Born Chinese“ ist ein vielfach ausgezeichneter Comicroman des sino-amerikanischen Comic-Schreibers Gene Luen Yang. Der Comic besteht aus drei abwechselnd erzählten Handlungssträngen, die am Ende auf eine höchst überraschende und sehr gut durchdachte Art und Weise zusammengeführt werden. Übergreifende Themen sind die Suche nach der eigenen Identität und die Auseinandersetzung mit rassistischen Stereotypen und Klischees. „American Born Chinese“ spricht in erster Linie junge, heranwachsende Leser an, kann aber auch von älteren Lesern mit Gewinn gelesen werden. Eine gewisse Vertrautheit mit der chinesischen Kultur und Geschichte, sowie den gängigen Klischees ist dabei durchaus von Vorteil, aber keineswegs ein Muss.

Beginnen tut die Geschichte mit dem Affenkönig, der vielen Lesern als eine Figur (Sun Wukong, 孙悟空) aus dem klassischen chinesischen Roman „Die Reise nach Westen“ (Xi Youji, 西游记) bekannt sein dürfte. Der Affenkönig ist zwar auf seinem Berg der unbestrittene Herrscher, doch er sehnt sich nach Anerkennung unter den Göttern, welche in ihm aber letztlich nur einen Affen sehen, mit welchem sie nach Möglichkeit nichts zu tun haben möchten. Für den Affenkönig wird es daher zum vordringlichsten Ziel, sich von seinem „Affen-Dasein“ zu befreien, und sich den übrigen Göttern sowohl vom Verhalten, als auch vom Äußeren her anzugleichen. Der Junge Jin Wang hat indes ein anderes, im Grunde aber doch recht ähnliches Problem. In seiner neuen Schule fällt er als Sino-Amerikaner unter den ganzen weißen Mitschülern sofort auf, und hat große Schwierigkeiten Freunde zu finden. Einen Freund hat er dann aber doch, nämlich den frisch aus Taiwan eingereisten Wei-Chen. Und dann gibt es da noch Amelia Harris, die es dem schüchternen Jin Wang schwer angetan hat. Um sie für sich zu gewinnen, schreckt er auch nicht davor zurück, seine Frisur dem Stil des allgemein sehr in der Klasse beliebten Greg anzupassen, was aber nicht wirklich gut gelingt. Im dritten Handlungsstrang steht dann zu guter Letzt Danny im Vordergrund, ein ganz normaler amerikanischer Junge, der aber aus unerklärlichen Gründen einen ziemlich seltsamen Cousin namens Chin-Kee aus dem fernen China hat, der jedes Jahr einmal zu Besuch kommt, und so ziemlich jedes Vorurteil und Klischee, welches es im Westen über Chinesen gibt, in seiner Person vereint. Sein Auftreten lässt Danny jedes Mal vor Scham fast im Erdboden versinken und entfremdet ihn auch zunehmend von seinen Schulfreunden und, noch wichtiger, seiner Freundin Melanie. Dannys Geschichte wird von Gene Luen Yang wie eine typische amerikanische Sitcom präsentiert. Immer wieder wird das Lachen eines unsichtbaren Publikums unter den einzelnen Panels in Form eines herzhaften (Ha, Ha, Ha, Ha…) dargestellt. Stets handelt es sich dabei um ein Lachen über Danny, der dadurch wie ein unfreiwilliger Komiker wirkt, denn Danny selber findet das Geschehen natürlich alles andere als komisch. Leider kann hier nicht verraten werden, wie es möglich ist, dass diese scheinbar doch sehr unterschiedlichen Handlungsstränge am Ende tatsächlich zu einer einzigen Geschichte verschmelzen. Auf jeden Fall sei aber gesagt, dass sich dadurch der Blick auf den gesamten Comic noch einmal deutlich verändert und dieser dadurch eine Tiefe gewinnt, die sonst in dieser Form nicht so gegeben wäre.

Auch wer sonst keine Comics liest, sollte erwägen, für „American Born Chinese“ einmal eine Ausnahme zu machen. Denn „American Born Chinese“ verdient die zuweilen etwas hochgestochen klingende Bezeichnung „Graphic Novel“ (Comicroman) sehr viel mehr als so manch anderes mit diesem Prädikat ausgezeichnete Comicwerk. Nicht ohne Grund wird der Comic auch immer wieder in amerikanischen Schulen im Unterricht eingesetzt. Die angesprochenen Themen und Probleme lassen sich relativ leicht auch auf andere Gesellschaften und Kulturen übertragen, was „American Born Chinese“ auch hierzulande zu einer relevanten Lektüre macht. Und wer sich für die Lebenswirklichkeit junger chinesischer Immigranten interessiert, kommt an dem Werk ohnehin nicht vorbei.

Gene Luen Yang: American Born Chinese. St. Martin's Press, New York 2008. 233 Seiten.